Warum nicht Marx?

Ringvorlesung am Institut für Theaterwissenschaft, Freie Universität
Berlin, SoSe 2018

Der Auftakt des kommunistischen Manifestes weckt den Verdacht, dass sich der
vermeintliche Messianismus einer noch kommenden Gesellschaftsordnung bei Marx
gegen die permanente Erwartung einer stets noch ausstehenden Heimsuchung
eingetauscht findet: “Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des
Kommunismus”. Hier kündigt sich der Spuk der Vorgängigkeit eines grundlegenden
Prinzips an, dem nachzuspüren bedeutet, nach jenen unaussprechlichen,
diferenziellen Grundbedingungen zu fragen, die Verschiebungen, Transformationen
und Metamorphosen in Prozessen des Tausches, der Fluktuation des Geldes, der
Waren, der Zeichen und Informationen allererst realisieren.

Ja, es gibt Widersprüche in der Welt, so könnte die Diagnose lauten. Doch was
machen wir mit ihnen? Lösen wir sie in einer synthetischen Dialektik auf oder
bewahren wir sie in einem Denken der Differenz, das es uns gewiss nicht einfach
macht?

Bereits in Begriffen wie denen der Entfremdung, des Wertes, des Geldes oder im
Fetischcharakter der Ware deuten sich bei Marx diverse Manifestationen einer
Theoriebildung im Zeichen des Wirksamwerdens von Differenzen an. Sie erweisen
sich als potentielle Anschlussstellen, als untergründige Einschreibungen eines
widerspenstigen Denkens, die sich über die Disziplinen hinweg zur Diskussion stellen
lassen.

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Die Vorlesungsreihe versucht diesen Implikationen in den Texten Marx’ nachzugehen
und danach zu fragen, wie ein ausgesprochenes „Ja Sagen zur Divergenz“ (Carl
Hegemann) es ermöglicht, existierende Widersprüche als konstitutive Differenz zu
begreifen. So will „Warum nicht Marx“ anlässlich seines 200. Geburtstages nicht nur
Marx bedenken, sondern mit ihm denken und an seinen Texten ein Denkens der
Differenz freilegen, an das sich diverse Theoreme strukturalistischer,
medienhistorischer, semantischer, gendertheorethischer und anderer Perspektiven
anknüpfen lassen. Geben wir also ihm das Wort, lassen wir ihn reden, schon diese
erste Geste wird uns seine Texte eröffnen, als die Affirmation eines Denkens, das
Grundlage jeglicher Form von Zusammenkunft/bruch bildet und die Aktualität der
Behauptung der Heimsuchung wagen: „Ein Gespenst geht um in Europa – das
Gespenst des Kommunismus“.

Programm

25.04.18: Warum noch Marx? – Carl Hegemann

02.05.18: Die Figur der Abweichung beim frühen Marx und späten Althusser – Maja Hoffmann (HFBK Hamburg)

09.05.18: Gesellschaft als Big Game? Neue Perspektiven auf Marx aus Sicht der Spieleforschung – Thomas Lilge (HU Berlin / Bild Wissen Gestaltung)

16.05.18: Marx und Beckett. Zur Bedeutung einer heterogenen Konstellation für das Versprechen der Moderne – Roman Kowert (FU Berlin)

23.05.18: Die prekäre Figur des Subjekts: Gesellschaftliche Form mit Widerstandspotenzial – Hanna Meißner (ZIFG Berlin)

30.05.18: Die Enden der Welt. Und das absolute Böse (Leben) – Michael Mayer (Uni Konstanz / ZHdK)

06.06.18: Verfremdung des Materialismus, Materialismus der Verfremdung –
Thomas Zimmermann (FU Berlin)

13.06.18: Marx und Freud als Krisendenker – Samo Tomšič (HU Berlin / Bild Wissen Gestaltung)

20.06.18: Orte des Wilden Denkens. Ein Gespräch über epistemische Werkstätten
– Hans Jörg Rheinberger (MPIWG)

27.06.18: Fetisch – Ware – Arbeit – Kunst – Gertrud Koch (FU Berlin)

04.07.18: Kapitalismus als Rätsel. Marx und die Kritische Theorie – Bastian Ronge (HU Berlin)

11.07.18: Verfall des Handwerks. Zur Romantik des Kapitals – Michael Bies (FU Berlin)

18.07.18: Marx’ Affirmation – Jan Völker (UDK Berlin)

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Facebook: https://www.facebook.com/events/1531743493615409/

Projektkoordination und -konzeption: Anna Bitter (HFBK Hamburg), Thekla Neuß (FU
Berlin), Sophie Sarcander (FU Berlin). Eine Initiative von Pae-Net. Netzwerk für
transdisziplinäre Arbeit. Mit der freundlichen Unterstützung des Instituts für
Theaterwissenschaft der Freie Universität Berlin, den Tutorien der Film- und
Theaterwissenschaft sowie der FSI der Theater-, Film- und Musikwissenschaft an der
Freie Universität Berlin.